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Selbstverteidigung gibt Gehörlosen Mut mit - auch für den Alltag

 

Premiere in Lippstadt: Kurs vermittelt vor allem Selbstbewusstsein

Drohend baut er sich vor seinem „Opfer“ auf. Die rechte Hand holt zum Schlag aus. Doch bevor Frank, der kräftige Hüne, weiß, was eigentlich passiert, verdreht sich sein Arm und er wird wie ein Spielzeug durch den Gruppenraum im Niemöller-Haus geschleudert. Eine Serie von gezielten Griffen hat ihn in Sekundenschnelle außer Gefecht gesetzt.

Es ist aber nicht nur die Technik, die den Teilnehmern des Selbstverteidigungskurses für Gehörlose mehr Selbstbewusstsein einflößt. „Auch die Körpersprache spielt eine wichtige Rolle“, übersetzt Gabriela Bier von der Gehörlosenberatung der Diakonie Ruhr-Hellweg den gut 20 Teilnehmern in die Gebärdensprache. Denn Ausbilder Jimmy Jemirifo ist es wichtig, dass seine Schüler sich in Gefahrensituationen nicht nur auf die Wing Tschun Rifo-Technik verlassen. „Oft verhindert schon ein wenig Widerstand Schlimmeres – eine bestimmende Körperhaltung ist dabei wichtig“, betont er und Gabriela Bier übersetzt wieder alles synchron mit den Händen.

In Soest hatte die Gehörlosenberatung der Diakonie Ruhr-Hellweg zum ersten Mal einen Selbstverteidigungskurs gezielt für Gehörlose angeboten. „Die Nachfrage war so groß, dass wir eine Neuauflage in Lippstadt organisiert haben“, berichtet Gabriela Bier. Auch hier konnte sie sich vor Anmeldungen kaum retten. „Für Gehörlose birgt der Alltag auch mehr Ängste und Gefahren“, glaubt Teilnehmer Norbert Köster, der selbst nichts hören kann. „Die menschliche Kommunikation funktioniert eben vor allem mit der Sprache – und Gehörlose können nicht mit der Stimme auf Aggressionen reagieren.“

Der 59-Jährige hat selbst schon heikle Situationen erlebt. „Das war vor vielen Jahren. Wir kamen gut gelaunt von einem Kegelabend – und eine Gruppe Jugendlicher fühlte sich von unseren Gebärden provoziert“, erinnert er sich. „Heute bin ich älter – und habe weniger Kraft, deshalb bin ich in solchen Situationen auch unsicherer“, gesteht er. Als er vor drei Wochen zum ersten Kursabend kam, hatte er noch eine ganz andere Vorstellung von Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. „Ich dachte, hier kommt es vor allem auf Kraft an“, erzählt er. Dass die Körpersprache, die eigene Einstellung und die Selbstsicherheit eine ganz entscheidende Rolle spielen, hat er jetzt gelernt. „Ich fühle mich nun tatsächlich viel sicherer“, betont er.

Auch Annette Tuckermann beobachtet am letzten von drei Trainingsabenden fasziniert, wie die flache Hand, der Ellbogen und die Knie mit wenig Krafteinsatz blitzschnell verblüffende Ergebnisse zeigen. „Ich habe selbst viel Gewalt durch meinen Ehemann erlebt“, berichtet die gehörlose 43-Jährige. Bevor sie in diesen Kurs kam, „hatte ich vor allem im Dunkeln ständig Angst, denn ich kann Schritte, die sich nähern, nicht hören“. Jetzt geht sie viel gelassener durch die Dunkelheit nach Hause. „Denn ich weiß jetzt, dass ich mich im Notfall wehren kann – und dass ich das auch darf!“