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Hoffnungen, die im Meer versanken

Lesung im Alten Schlachthof macht sprachlos und betroffen

Rührung auf der Bühne: Bekannte Soesterinnen und Soester haben die Sprecherrolle übernommen. Keine leichte Aufgabe, denn die Szenen aus „Ein Morgen vor Lampedusa“ rühren zu Tränen. Foto: drh/Kathrin Risken

Soest (drh) – Michael Gantenberg bricht die Stimme als er von dem toten Baby liest, das aus dem Meer gezogen wurde: „Es trug eine weiße Strampelhose. Es war von mir abgewandt, als ich es vorsichtig aus dem Laderaum des Schiffes herauszog. Da stieß sein Gesicht mit meinem zusammen. Ich habe die Leiche dieses Kindes immer vor Augen, sein Gesicht, das immer noch um Hilfe zu bitten scheint. Es hätte mein eigenes sein können.“ Gantenberg ist einer der prominenten Leser, die an diesem Abend auf der Bühne im Alten Schlachthof aus der szenischen Lesung „Ein Morgen vor Lampedusa“ vortragen. Und ist man es gewöhnt, dass im Schlachthof auf Bühnendarbietungen Applaus folgt, herrscht an diesem Abend ergriffene Stille. Niemand applaudiert.

Das liegt nicht etwa daran, dass Gantenberg und Co – mit dabei Marita Stratmann (stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Soest), der Künstler Fritz Risken, Diakoniepfarrer Peter Sinn und Cornelia Fisch vom Singkulturhaus „AlmaViva“ – ihre Sache nicht gut gemacht hätten, vielmehr ist das harter Tobak, was dort auf der Bühne gesagt wird. Es sind Erinnerungen der Menschen, die vor fünf Jahren die humanitäre Katastrophe vor der italienischen Insel Lampedusa miterleben mussten. Am Morgen des 3. Oktober 2013 versinkt dort ein mit 545 Flüchtlingen völlig überladener Kutter, 368 Menschen ertrinken. Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, Äthiopien und Syrien, die vor Krieg und Armut flohen, voller Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Das Baby mit dem weißen Strampler, von dem Gantenberg spricht, war auch auf dem Boot.

Ihre Geschichte hat Antonio Umberto Riccò  aus Hannover mit einer Arbeitsgruppe kurz nach dem Ereignis aufbereitet, stilistisch sind es Zitate von Augenzeugen: von Fischern, die verzweifelt versuchen, Menschen in ihre Boote zu ziehen, von Inselbewohnern, die fassungslos vor am Strand aufgebahrten Särgen stehen, der Bürgermeisterin von Lampedusa, von Mitgliedern der Küstenwache. Begleitet wird das gesprochene Wort mit Fotos von der Katastrophe und von dem italienischen Musiker Francesco Impastato, der eigens für dieses Projekt Musik komponiert hat und live singt.

Riccò zieht mit seiner Lesung durch Deutschland, um aufmerksam zu machen. Auf das Leid der Flüchtlinge, wie er sagt, aber auch auf Missstände in der europäischen Flüchtlingspolitik. „Lampedusa ist zu einem Symbol geworden - für Hoffnungen, die im Meer versanken aber auch für das Versagen von Behörden“, erklärt er den Zuhörern. Und meint damit: Das Thema ist aktueller denn je.
 „Die EU-Staaten schotten sich ab, sie ducken sich regelrecht weg und verschließen die Augen vor dem Elend. Denn auf dem Mittelmeer geht das Sterben weiter. Es wird hitzig über die Flüchtlingspolitik diskutiert, doch oft wird vergessen, was die Menschen auf ihrer Flucht ertragen. Uns ist es ein Bedürfnis, dieses Thema wieder der Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen und Zeichen zu setzen“, ergänzt Karin Wenzel von der Diakonie Ruhr-Hellweg, die den Abend veranstaltet hat. Die gut besuchte Veranstaltung war für die Besucher kostenlos, es wurde um Spenden an die Organisation Sea-Watch gebeten.

„Sie ertranken vor unseren Augen, und ich musste zusehen“, ist übrigens ein weiterer Auszug aus dem Text.




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